Um nicht mehr so viel Lebensmittel wegzuschmeißen, gehe ich fast täglich einkaufen. Schon allein um der einsamen Tristesse meines heimischen Büros zu entkommen. Denn als Freelancer ist es über den Tag doch manchmal ziemlich langweilig. Dabei habe ich nun über Monate den perfekten Einkaufszeitpunkt für mich studiert.

Meine drei Leitlinien lauten: 
1.) Man sollte nicht Samstag in den Supermarkt gehen. Alles nach Freitag 14 Uhr ist Selbstmord und nur zur Selbstgeisselung zu empfehlen.

2.) Wochentags vor 11 Uhr und nach 16 Uhr sind als Zeitpunkt ungeeignet. Man trifft vormittags auf zu viele Rentner, Gastronomen und Familienoberhäupter, die allesamt Großeinkäufe erledigen. Am späten Nachmittag sind es abermals die Rentner, die aber die Hälfte des Einkaufs vergessen haben. Außerdem die Feierabendfeiernden, die ich nicht behindern möchte.

3.) Am Besten ist es Montags, da haben all die Gestörten vom Samstag noch genug im Haus!

Aber diesen Samstag kam alles anders! Leider haben meine Freundin und ich uns für das Wochenende kulinarisch nicht abgestimmt. Ein Besuch der Shoppinghölle ist somit unausweichlich. Der Zufall will es, dass wir in Nürnberg direkt neben einer Etappe des „Jakobsweg“ wohnen. Um zum Kaufland zu kommen, pilgern wir nun also in entgegengesetzter Richtung der Pfeile mit der Sonne. Und das mit Vielen! Kurzzeitig überlege ich, ob all diese Menschen nach Erleuchtung suchen. Aber dann wäre es ja die andere Richtung. Ich befürchte Schlimmes!

Im Kaufland angekommen bietet sich mir ein erschreckendes Bild. Es sieht aus wie bei einer Schlägerei auf dem Schützenfest, die sich ihrem Höhepunkt nähert. Im Eingangsbereich ist das Gemüse wild durcheinander gewürfelt, überall leere Kartons und Menschen setzen die Einkaufswagen als Nahkampfwaffen ein. Also auf in die Schlacht.

Schon auf den ersten Metern zücke ich die weiße Fahne. Für den Sonntag schlage ich Tiefkühlpizza als Sättigungsgrundlage vor. Der Vorschlag wird angenommen. Somit ist meine Holde auf sich allein gestellt. Denn heute Abend esse ich aus beruflichen Gründen nicht mit. Ab jetzt übernehme ich die Rolle des stillen Beobachters. Dabei entdecke ich wesentliche Unterschiede im Einkaufsverhalten von Blanca und mir.

Vielleicht liegt es an ihrem letzten Arbeitgeber? Bei EDEKA scheint man eine persönliche Beziehung zu Lebensmittel zu pflegen. Auch wenn ich das von einer Frau in der IT des Unternehmens nicht erwartet hätte. Sie bespricht sich quasi mit der Auslage. Es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis die ersten Sachen im Wagen landen. Dabei plärrt „Land of Confusion“ von Phil Collins aus den blechernen Lautsprechern des Supermarkts. Ich beginne laut zu lachen, ernte aber nur böse oder verwirrte Blicke.

Da Blanca nicht oft einkaufen geht, wirkt sie etwas orientierungslos. Wie eine kleine Stahlkugel im Flipperautomat streift sie von Regal zu Regal. Nur eben langsam, sehr langsam! Ich blicke auf mein Smartphone, um zu checken, ob wir uns in der Zeit rückwärts bewegen.

Im dritten Gang kommt es dann fast zum Eklat zwischen uns. Sie findet nicht die passende Kombination aus Nudelform, Größe und Machart. Seit Ewigkeiten vergleicht sie Preise, nimmt eine Tüte, guckt, stellt sie wieder zurück und sucht weiter. Ich nehme eine Tüte, halte sie hoch und frage: „Vielleicht die hier?“. „Ich sagte doch nichts mit Eiern!!!“, schallt es mir entgegen. Ich beschließe, mich in mein Schicksal zu ergeben. Die Stimmung ist gereizt. Trotz all der Verwirrten um mich rum schaffen wir es nach fast einer Stunde unfallfrei auf die Zielgerade. Der freie Platz im Wagen wird kurz vor Schluß großzügig mit Schokolade vollgestopft. Danach ist die gegenüber befindliche Damenhygieneabteilung unser Ziel. Dabei bin nicht ich es, der überfordert ist, sondern meine Begleiterin. „Mein Gott ist das eine große Auswahl hier!“, sagt sie und steht dabei ratlos vor dem Sortiment. Wie gesagt, normalerweise kaufe ich ein. „Welche Binden brauche ich denn?“. Jetzt geht’s zu weit! „Die hier!“, entgegne ich harsch und feure sie zur Schokoladenpyramide.

Es soll ja Männer geben, die sich schämen Binden und Tampons einzukaufen. Das sind meiner Meinung nach alles Weicheier! Die sollen sich freuen, dass die Frau gesund ist und sich klarmachen: Die Wechseljahre werden wahrscheinlich schlimmer! Allerdings bin ich im biologischen Ablauf eigentlich ja nur Zuschauer, vielleicht Leidtragender. Bis ich zum Akteur werde, dauert es aber wahrscheinlich noch etwas.

Krups Handmixer

Ungeduldig schiebe ich unseren Boliden in Richtung Kasse. Jeden weiteren Gang lasse ich mit den Worten „Bauchen wir nicht“, „Was willst du damit“ und „Haben wir noch“ hinter uns. Das gelingt mir, bis ich an der Treuepunkteaktion von Kaufland vorbei komme. Ich habe mich bereits gegen die Anschaffung einer „Cook4me“ entschieden. Denn es wird demnächst die „Cook4me+“ bei uns einziehen. Allerdings habe ich ja noch so viele Punkte. Der Henssler blickt mir entgegen und ich lese zum wiederholten Mal: „Perfektion kann man schmecken“! Völlig richtige Aussage, jetzt habe ich unerwartet doch die Erleuchtung gefunden. Kurzerhand wird der Pürierstab (Bild) eingepackt. Ich belohne mich für diese Tortour selbst! „Krups treibt uns noch in die Privatinsolvenz.“, höre ich neben mir. Unbeeindruckt davon geht es weiter zur Kasse. Ich grinse still in mich hinein, denn sie hat noch nie die Worte „Dampfgaraufsatz“, „Mini-Schüssel“ oder „Schnitzelwerk” gehört.

Diese Folge als Podcast hören: