Bereits 10 Minuten bevor der Wecker klingelt, schlage ich hektisch meine Augen auf. Kurzer Check, ob ich verschlafen habe, aber alles ist im Lot. Ich hasse es, wenn der Morgen schon so beginnt. Ich möchte so lange schlafen, wie es möglich und nicht wie es nötig ist. Gerade an diesem Freitag!

Noch im Bett liegend gehe ich den Plan für den Tag durch. Am Ende steht das Unausweichliche: Die Schwiegereltern in spe kommen. Mürrisch verlasse ich das Schlafzimmer, knurre meine Freundin kurz an und gehe wortlos ins Bad. Als ich zurück in die Wohnküche komme, bemerke ich auch bei Blanca eine gewisse Panik im Gesichtsausdruck. Wir sprechen uns gegenseitig Mut zu, dann verlässt sie umgehend die Wohnung.

Da sich mein neues Hobby als Geschichtenschreiber etwas negativ auf die Rolle des Hausmanns ausgewirkt hat, beginne ich direkt meine mir zugeteilten Aufgaben abzuarbeiten. Immer, wenn ich bereits kurz nach dem Aufstehen das Rotieren anfange, befürchten auch unsere Mitbewohner das Schlimmste. „Oma und Opa kommen heute!“, erkläre ich den zwei trägen Fellknäulen auf der Couch. Die Katzen wechseln postwendend auch in einen Unruhemodus.

Den Vorteig fürs Ciabatta (Rezept von gestern) hatte ich über Nacht in der Preppi ruhen lassen. So ist es nur logisch, dass die zwei Teigrohlinge nach Fertigstellung als erstes in die Röhre kommen. Mein Menüplan sieht wie folgt aus: Grüne Spargelsuppe (aus der App) mit Ciabatta, danach bayrisch/spanische Brotzeit mit Leberkäse, spanischen Wursterzeugnissen und FDD-Brot. Zum Abschluss irgendwas mit Erdbeeren.

Der Tag ist von nun an ein Wechselspiel aus Wohnung putzen, Prep&Cook reinigen und der Herstellung von Speisen. Unterbrochen wird dieser ganze Wahnsinn nur von einer kleinen Einkaufsrunde. Am Nachmittag werde ich dabei vom neuen Rammstein-Album unterstützt. Es unterstreicht eindrucksvoll meinen Gemütszustand. Zitat: “Und dann reiß’ ich der Puppe den Kopf ab. Und dann beiß’ ich der Puppe den Hals ab. Ich fühl mich nicht gut, NEIN!“

Irgendwann auf den letzten Metern hat Blanca keine Argumente mehr gefunden, sich bei der Arbeit zu verstecken. Die Bude sieht trotz meines unermüdlichen Einsatzes nach Dresden 1945 aus. Gemeinsam schaffen wir es unerwartet, einen akzeptablen Zustand herzustellen. Dank des flächendeckenden Einsatzes des Staubsaugers stehen die Katzen inzwischen auch kurz vor einem Herzklappenabriss. Als Blanca die Wohnung verlässt, um die Eltern am Hotel zu empfangen, hat eine der Stubentigerinnen die Schnauze gestrichen voll. Aus Protest kotzt Maja ausgiebig in die halbe Wohnung. Nach Beseitigung des Schlamassels erwäge ich einen Topf mit Sagrotan auf den Herd zu stellen. Einfach um die Bude insgesamt auszudampfen, dabei denke ich: „Gleich holen Se Dich ab“

Eine Liveberichterstattung über WhatsApp informiert mich über jede Statusveränderung des Staatsbesuchs. Als die Meldung: „Wir fahren jetzt zur Wohnung!“, über den Ticker eintrifft, stürze ich zur Beruhigung hektisch eine mittelgroße Dose Red Bull hinunter.

Unseren Parkplatz in der Tiefgarage musste ich bereits im Vorfeld räumen. Denn der silberne Mercedes des Schwiegervaters hat natürlich Vorrang. Dieser kann auf keinen Fall zusammen mit den ordinären Karren der Nachbarschaft am Straßenrand stehen. Als sich der Schlüssel in der Wohnungstür dreht und die ersten spanischen Wörter den Raum erfüllen, sind die Katzen bereits unter der Couch verschwunden. Nach kurzer Begrüßung verfrachte ich die Gäste direkt an den Esstisch. Meiner Meinung nach sind Carmen und Paco noch ein ganzes Stück geschrumpft. Sie wirken viel kleiner, als ich sie ohnehin schon in Erinnerung hatte. Carmen muss dabei inzwischen die 1,50 m unterschritten haben.

Beinahe hätte ich einen unentschuldbaren Fehler gemacht. Da Blanca und ich so gut wie keinen Alkohol trinken, hatte ich vergessen, die verstaubte Flasche Wein auf den Tisch zu stellen. Ein Abendessen ohne Wein ist für Paco inakzeptabel. Skeptisch mustert er die Flasche Merlot, öffnet sie aber sehr gekonnt. Das Menü wird seitens Carmen wohlwollend kommentiert. Als Blanca das Gespräch in Richtung meiner neuen Errungenschaft (Preppi) leitet, bemerke ich die Entrüstung in Pacos Augen. Er scannt mich, als sei ich direkt vor seinen Augen entmannt worden. Hausarbeit für Männer? Das ist für ihn Gotteslästerung! Nach dem Einbau der heimischen Küche, hat er den Routenplan zur Kochstelle für immer aus seinem System gelöscht.

Eine zweite Beobachtung, die ich mache, ist, dass Blancas Eltern inzwischen viel mehr Spanisch sprechen. Seit der Verrentung hocken sie zunehmend aufeinander, der Kontakt zu den deutschen Kollegen fehlt. Außerdem verbringen sie inzwischen gut 40 Prozent des Jahres in der galizischen Heimat. Es ist natürlich mein Fehler, dass ich es in fast drei Jahren nicht geschafft habe, ausreichend Spanisch zu lernen. Allerdings hege ich Zweifel, dass nach Englisch, Französisch und Plattdeutsch eine vierte Fremdsprache in meinem Hirn Platz findet.

Nach der erfolgreichen Verköstigung, runden wir den Abend mit einem ausgiebigen Verdauungsspaziergang durch die Nürnberger Innenstadt ab. Der verwegene Plan ist nämlich, die zwei Rentner möglichst kaputt zu kriegen. Wenig Pausen, viel Essen und frische Luft.

Am zweiten Tag bleibt meine Küche kalt. Es geht zum Brunchen in die Nachbarstadt Fürth. Das ausgesuchte Lokal ist jedoch eher ein Reinfall. Schon beim Hinsetzen bemerkt Paco vorwurfsvoll: „Ist das hier ein Kuhstall?“.  Zu Alternativ, das Buffet zu weit weg, die Teller von unten nicht klinisch rein und die falschen Messer werden moniert. Beim anschließenden Gang durch Fürths Altstadt amüsiert er sich dafür prächtig. Ihm bleibt nicht verborgen, dass ich auf die älteren Damen meiner neuen Heimat sehr einschüchternd wirke. Viele weichen mir aus oder halten die Handtaschen krampfhaft fest. Mir selbst fällt das schon länger nicht mehr auf. Nebenbei verabschiedet sich mein Hirn komplett, denn um mich herum wird ab jetzt durchgängig Spanisch gesprochen. Ich bin nur noch der Chauffeur der Truppe.

Die Mittagszeit verbringen wir in unserer Wohnung. Maja und Tuli haben sich ebenfalls in ihr Schicksal ergeben, das Versteck unter der Couch war ohnehin nur mäßig geeignet. Die Streicheleinheiten werden inzwischen geduldet. Bei direkter Ansprache beobachte ich jedoch immer ein kleines Zucken. Dass es daran liegen könnte, dass Blanca immer auf Spanisch mit Ihnen schimpft, erschließt sich anscheinend nur mir.

Jetzt bricht wieder der Heimwerker aus Blancas Vater heraus! Wir wohnen zur Miete in einem neugebauten Wohnkomplex, das Ganze als Erstbezug. Es ist also nicht so, dass ich in die Planung oder den Bau des Objekts einbezogen wurde. Trotzdem werde ich zu eingesetzten Materialien, Bauart, Sinn der Elektroinstallation und dem Isolierungsgrad der eingesetzten Fenster befragt. Meine Antworten darauf scheinen unbefriedigend zu sein.

„Karl-Heinz, das musst Du doch wissen!“ – Da war es wieder dieses „Karl-Heinz“! Paco nennt jeden männlichen Deutschen (den er mag) so. Der Einfachheit halber! Jeder Deutsche, der es irgendwann in sein Herz schafft, wird kurzerhand umgetauft. Bei mir hatte es fast zwei Jahre gedauert. Erst als wir ihn im letzten Jahr anlässlich seines 66. Geburtstags in Spanien überraschten, wurde ich in den Club der coolen Leute aufgenommen.

Nachdem wir die Beiden im Verlauf des Samstags mit Sehenswürdigkeiten und einer Haxe vollgestopft haben, geht unsere Taktik auf. Bereits um 19:30 Uhr wird die weiße Fahne gehisst, die Augen sind klein wie Ferkelärsche. Sie  möchten sich im Hotel ausruhen und brauchen den Schlaf für die morgige Rückreise. Nach einem kurzen Frühstück wird diese dann auch umgehend angetreten.

Ein Glück, nur noch diese Woche, dann haben Blanca und ich zwei Wochen Urlaub. Den können wir nach dem Einmarsch in unsere vier Wände auch gebrauchen. Am Abend erreicht uns die Nachricht, dass Carmen und Paco gut im Norden angekommen sind. „Wir sehen uns ja bald wieder. Ich habe mit Mama abgemacht, dass wir zur Kieler Woche im Juni bei Ihnen übernachten.“ Informiert mich Blanca. Ein Gespräch, wahrscheinlich auf Spanisch, dass an mir vorbeigegangen sein muss.