Eigentlich wollte ich Euch an diesem Sonntag von etwas völlig Anderem berichten. Wer meine kleinen Geschichten verfolgt, der kann sich bereits jetzt schon vorstellen, mit der spontanen Spanierin an meiner Seite wird es nicht langweilig. Wir haben seit Freitag Urlaub, jetzt versinke ich jedoch im Chaos.

Schon der Auftakt zur arbeitsfreien Zeit gestaltet sich turbulent. Blanca benötigt für ihren Job meine Foto- und Videoausrüstung. In Vorbereitung haben wir innerhalb der letzten zwei Wochen gemeinsam mit dem Equipment geübt. Dabei erwartete sie von mir die Informationsvermittlung von 12 Jahren des autodidaktischen Lernens. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Am Ende des Tages hole ich sie ab und werde direkt mit den Worten begrüßt: „Deinen Job möchte ich nicht geschenkt haben. Muddi ist fertig!“ – Um allerdings auch am wohlverdienten Feierabend etwas zu Essen zu bekommen, müssen wir erst noch zum Discounter um die Ecke. Das Einkaufsverhalten von Blanca habe ich ja bereits beschrieben. Allerdings zwei Details ausgelassen. Zum einen achtet sie manchmal nicht darauf, in welchem Wagen die Einkäufe landen. Gerne wird auch mal der Einkauf unserer Mitmenschen bereichert. 

Die zweite Sache: Blanca hat klebrige Finger! Ich habe es vorher zwar schon beobachtet, aber nun ist es verifiziert. Dabei ist sie so geschickt, dass jeder Trickbetrüger von ihr lernen kann. 

An der Kasse sieht unsere Aufgabenverteilung folgendermaßen aus: Ich packe und sie zahlt. Denn ich habe einen Plan, wie alles in den Tüten verstaut werden muss. Dieser Plan wird von mir zudem deutlich schneller umgesetzt. Blanca wiederum greift in diesen Ablauf nur ein, wenn sie vermutet, dass die mitgebrachten Transportutensilien nicht ausreichen. Damit der Fluss des Packens nicht unterbrochen wird, reicht sie mir geschwind eine Neue und zwar von den guten Tüten. Wie selbstverständlich macht der Barcode aber keinen Umweg über den Scanner der Kasse. Überrascht von soviel Souveränität und verwickelt in ein Gespräch stellt keine Kassiererin diesen Vorgang infrage. 

Auf dem Parkplatz stelle ich sie zur Rede. „Natürlich haben wir die Tasche bezahlt!“, entgegnet mir die kleine Spanierin. Ich suche den Kassenzettel, finde ihn und frage, wo sich der Artikel versteckt. Nach der Kontrolle vernehme ich ein zartes: „Ach Du Scheiße!“. Ihr ist es natürlich wieder einmal nicht aufgefallen. Ihr Kopf beginnt die Farbe zu wechseln.

„So sind sie, die Ausländer! Erst nehmen sie uns die hoch-bezahlten Jobs bei Siemens weg und dann klauen sie bei LIDL!“, skandiere ich nun lautstark. Die Ersten unterbrechen den Ladevorgang ihrer Autos und schauen herüber. Die kleine Chorizo neben mir entgegnet: „Hältst Du jetzt die Klappe?“ Angestachelt von den Blicken, kann ich meinen Auftritt jedoch nicht so abrupt beenden: „Das kann doch nicht wahr sein! Warum machst Du das immer?“ 

„Immer? Das ist mir noch nie passiert!“, verteidigt sie sich. Unser Gespräch zieht nun immer mehr Blicke an. „Aldi, Edeka, Penny… Hier hängt bald überall Dein Bild an den Kassen.“ Während ich in verschiedene Richtungen zeige und wild mit meinem Zeigefinger imaginäre Ziele anvisiere, höre ich eine Autotür hinter mir klappen. Das Gespräch scheint beendet zu sein. Applaus bekomme ich für meinen Darbietung keinen.

„Ich kann mich dank Dir da doch nie wieder sehen lassen.“, meint Blanca auf der Rückfahrt. Derweil lache ich mich scheckig, befürchte aber Straßensperrungen auf dem Heimweg. Ab jetzt bin ich ja quasi Mittäter, der Fluchtwagenfahrer! Wir sind gleichermaßen Gesetzlose: Bonny und Clyde des Frankenlandes.

Leider war diese Woche bisher nicht so amüsant verlaufen. Der Vater eines Bekannten ist unerwartet verstorben. Unser Urlaubsplan ist deswegen etwas umgestrickt worden. Anstatt am Freitag nach Leipzig und Berlin aufzubrechen, machen wir nun einen Umweg über das Siegerland um der Beerdigung beizuwohnen. 

Am nächsten Morgen klingelt Blancas Handy. Sie schaut aufs Handy und sagt: „Papa ruft an… Was da wohl passiert ist?“ – Ich weiß sofort, was passiert ist. Paco hatte vor ein paar Tagen eine Email erhalten, er hat seit vier Jahren sein Guthaben nicht mehr aufgeladen.  Eine Abschaltung der Nummer droht. Natürlich könnte er einfach einen kleinen Beitrag auf die Karte laden. Bisher hat er das auch immer so gemacht. Inzwischen ist so in acht Jahren ein Prepaidvermögen von 45,-€ aufgelaufen. Jetzt wird gnadenlos abtelefoniert! Schon bei den ersten Sätzen höre ich die plärrende Stimme von Carmen. Im Gespräch sind ungewöhnlich viele Namen und deutsche Vokalen. Dortmund, Vatertag, Ben, Alberto, Anna, Wochenende um nur einige zu nennen. Aufgeregt stiefle ich um sie herum, denn ich möchte den Sinn des Gesprächs verstehen. So hätte ich vielleicht reglementierend eingreifen können. Verdammter Mist, ich verstehe natürlich kein Wort! Zu schnell, zu lispelnd wechseln die Worte hin und her. Ich muss dringend Spanisch lernen!

„Wie lieb hast Du mich?“, blickt mich Blanca nach dem Telefonat fragend an. „Kommt darauf an… Was hast Du gemacht?“, lautet meine knappe Antwort. Ich werde aufgeklärt, dass wir nach der Trauerfeier nicht wie geplant in Richtung Osten fahren. Wir werden anstatt den Weg in Richtung Dortmund fortsetzen, dort wohnen Blancas Bruder Alberto und seine Freundin Anna. Zu meiner großen Freude wird mir dann auch noch eröffnet, dass Carmen und Paco auch vor Ort sind! „Alles für Deinen Blog, dann kannst Du noch mehr schreiben!“, begründet Blanca unseren Umweg. Das leuchtet ein.

Aufgrund des sich erneut anbahnenden spanischen Overkills, beschließe ich meinen persönlichen  Ausgleich zu schaffen. Heute kocht die Preppi für uns eine nordische Spezialität. Von Vielen als „Kellnerkotze“ verschrien, ist Labskaus für mich ein kleines Festmahl. Obwohl Blanca im Norden geboren und aufgewachsen ist, hat dieses Spitzengericht ihren Gaumen noch nie erfreut. Egal, da muss Sie jetzt durch. Wie ich durch den nächsten Freitag!