(Mein Urlaub – Teil 1 von 3)

Der erste Urlaubstag beginnt mit einer kleinen Katastrophe. An diesem Montagmorgen werde ich auf den harten Boden der Realität zurückgeholt. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Leider bin ich trotz Vorankündigung nicht ausreichend vorbereitet. Beim Gang in den Supermarkt streift mein Blick den Schaukasten des Kauflands. Bisher zauberte der Anblick immer ein kleines Lächeln ins Gesicht. Doch heute erstarrt mein Blick, denn ich realisiere das Ende der Krups Treuepunkte-Aktion. Fassungslos starre ich nun auf den Aushang des neuen Bindungsprogramms.

Dumm-dusselig strahlt mich nun Jérôme Boateng an und versucht mir die China-Lautsprecher und Plastik-Kopfhörer von JBL unterzuschieben. Kaufland, ich bin entsetzt! Ist Euch denn gar nichts heilig? Das Khakishirt und der goldene Armschmuck des Herrn Boateng wirken so seriös wie die Visage eines Gebrauchtwagenverkäufers. Immer noch erschrocken stehe ich vor dem Pamphlet. Neben mir stehen zwei zwangsvercoolte Jungdjangos und beraten, wie sie an möglichst viele Punkte für eine der Brüllwürfel kommen. Meine Unterlippe beginnt zu beben und es bricht aus mir heraus: „Jérôme, ich hasse Dich! Wer braucht den Scheiß?“ Die sprechenden Jogginganzüge drehen sich erschrocken um. Ich muss mal wieder sehr laut gewesen sein.

Schon beim Betreten des Ladens checke ich die Konkurrenz. Welcher der anderen Anbieter hat wohl die vielversprechendste Alternative für das fröhliche Stickerkleben? Die Rewe- und Edeka-Aktionen laufen bald aus und sind daher uninteressant. Leider gibt es in Nürnberg keinen Famila, denn der Norddeutsche Anbieter bietet Prämien von Zwilling. Meine zukünftiger Discounter der Wahl heißt dann wohl Penny. Die verschließbaren Glasschüsseln klingen interessant. Für mich sind diese Aktionen nämlich keine Bindung an ein Geschäft, sondern eher Belohnungen für mein Erscheinen. Ich bin eine Treuepunkteschlampe! Immer auf der Suche nach möglichst vielen wechselnden Partnern, die mir dann den größten Vorteil verschaffen. 

Mir tut jetzt schon die meine Lieblingskassiererin leid. Sie wird in ein tiefes Loch fallen! Denn in den letzten Monaten habe ich immer wieder hemmungslos meinen Charme an der Kasse versprüht. Die Dame mit den grauen Haaren muss nun auf mich verzichten. Aber sie kann sich ja bei Ihrem Arbeitgeber beschweren. Zwar habe ich nur eine Preppi und den Pürierstab gekauft, aber jetzt am Ende habe ich Punkte für sicherlich 20 Prep & Cook in der Schublade.  Einfach nur, weil ich es kann!

Heute kaufe ich nur das Nötigste. Stelle mich ein letztes Mal in der Schlange vor Kasse 2 an und beginne mit meiner Abschiedszeremonie. Dabei würde ich mir wünschen, dass der gleichnamige Song von Thees Uhlmann über die Lautsprecheranlage ertönt. Derzeit singt dort jedoch Bruce Springsteen „Born To Run“ – passt ja auch irgendwie! Wie immer am Ende des Bezahlvorgangs greift in die Richtung der kleinen Rolle neben dem Münzfach. „Ich brauche keine Punkte mehr!“, unterbreche ich den Vorgang abrupt. Ihr Blick versteinert, in diesem Moment realisiert Sie: Sie wurde nur benutzt!

Frei von den Ketten Kauflands schwinge ich mich in mein Auto um den neuen, sündigen Früchten nachzujagen. Bei Penny angekommen muss ich mich erstmal orientieren. Alles ist so völlig neu und aufregend. Auch hier habe ich am Ende die Qual der Wahl. Entweder ich bezahle bei der Endfünfzigerin oder stürze mich auf die unerfahrene, junge Blonde. Wähle weise junger Padawan! Ich schaue an mir herunter und muss realistisch bleiben. Da meine Flirtattacken eher beim älteren Publikum ankommen, setze ich abermals auf Kasse 2. Ein Fehler! Mein erster Anmachspruch verpufft: „Macht nichts, wenn sie sich verzählen!“ – Stoisch wird abgezählt und ich erhalte die exakte Anzahl an Marken. 

Diese Niederlage schmerzt! Aber ich bekomme unerwartet eine zweite Chance. Beim Einladen des Einkaufs fällt mir auf, ich habe etwas vergessen. Nicht viel, aber immerhin genug für zwei weitere Punkte nach dem vorgegebenen Regelwerk. Abermals an der Kasse angekommen spricht der Jörg Draeger in mir: „‚Wählen Sie Tor 1 oder Tor 2? Hinter einem der Beiden versteckt sich der Zonk!“ – Diesmal wähle ich richtig! Trotz meines Mini-Einkaufs zieht die gelangweilte Blondine an der kleinen Rolle, zählt nicht und gibt mir eine unfassbare Menge an Treuestickern. Ich musste mich nicht mal anstrengen, sicherlich habe ich das erste Heftchen fast voll. Diesmal fühle ich mich benutzt. Entweder hat sich mein Charme hier schon rumgesprochen oder sie möchte direkt verhindern, dass ich die Offensive überhaupt starte. Irgendwie hatte ich mir doch etwas mehr Herausforderung gewünscht.