Schon am Morgen, als ich mich im Spiegel sehe wird mir klar, dass es ein Scheißtag wird. Die Haare sehen aus wie mit Drehstrom gewaschen, mein Bart hängt wie ne labberige Portion Spagetti am Kinn und insgesamt merke ich den körperlichen Verfall eines Mittdreißigers. In Nürnberg ist es nach unserem Urlaub so heiß, dass ich mich nur in den Morgenstunden nach draußen auf den Balkon traue.

Gerne würde ich meinen inzwischen vornehmlich weiblichen Leserinnen an dieser Stelle endlich mal vorgaukeln, dass ich doch der härteste Typ im Land bin. Quasi der Ur-Träger von Testosteron, ein Kerl ohne Furcht und Tadel.

Die Realität ist (wieder mal) eine Andere, das wird mir jetzt beim Schreiben direkt klar. Aus der Nummer gehe ich als größter Waschlappen der Geschichte hervor.

Meine tiefste Phobie

Eine Urangst sitzt tief in meinem Körper: Ich habe panische Angst vor hektischen Tieren. Besonders schlimm sind kläffende Hunde, alles was flattert, Wespen und so ein Zeug. Dabei bin ich auf dem Land groß geworden. Aber irgendwann in der Zeit muss ich nen psychischen Knacks bekommen haben. Mein Körper geht in eine Schockstarre und dann schaukeln die Tiere und ich uns in eine gemeinsame Panik.

Ich mag Katzen! Wahrscheinlich, weil die ein Leben führen, wie ich es gerne hätte. Sie schlafen 20 Stunden am Tag. Das Essen wird geliefert und am Abend wird noch ne Stunde mit Mutti gespielt und gekuschelt. Herrlich! Zumindest ist das das Leben, was ich bei unseren zwei Stubentigerinnen beobachte. 

Es geschah an einem Mittwoch

Aber zurück zum Mittwochmorgen: Blanca hat gerade das Haus verlassen und auch ich werde mich nach dem Genuss eines Latte Macchiatos an die Arbeit machen. Dabei sitze ich im Sommer meist auf dem Balkon. Der Laptop vor mir, Kopfhörer auf und vielleicht etwas zu knabbern dabei. Damit meine adipösen Finger die Tasten auch wirklich treffen, bin ich im Tunnel. Von meiner Außenwelt bekomme ich wenig mit. Einzig die Mauersegler im Innenhof lassen mich ab und zu aufschauen. Nach der Brutzeit jagen sich zur Zeit circa 30 kleine Piepmätze im Sturzflug hin und her. Immer wieder zischen sie knapp ab den grauen Mauern unseres Neubaublocks vorbei. 

Es kommt wie es kommen muss. Ich höre einen dumpfen Schlag und Millisekunden später knallt mir etwas gegen meinen linken Arm. Einer der Raser hat seinen Namen anscheinend zu wörtlich genommen und ist in die Mauer über mir gesegelt.

Ein Horrorszenario

Kalte Schauer zucken mir über den Rücken. Ein Vogel hat mich berührt. Ekelhaft, in meiner kleinen Phobie-geprägten Welt. Der Kurze hat die Flügel weit ausgebreitet und zuckt hektisch neben mir. Ein Horrorszenario, dass ich mir nicht hätte schlimmer ausdenken können. Auch im Inneren der Wohnung kommt Leben in die Bude. Tuli und Maja drücken sich umgehend die Fellnasen an der Balkontür platt. Sie scheinen eine Lebend-Fütterung zu erwarten. Drei hektische Tiere sind definitiv zu viel für mich. Ich bin nur froh, dass ich ausnahmsweise die Tür überhaupt geschlossen hatte. Sonst würde ich sicherlich einem Gemetzel á la Freddy Krueger beiwohnen. Ich spreche kurz mit dem angeschlagenen Wurm: „Ich tue Dir nichts, wenn Du mir nix tust!“

Nach circa 20 Minuten keine Veränderung der Situation. Nur dass die Katzen inzwischen Salz, Pfeffer und Besteck geholt haben. Meinen neuen Kumpel habe ich Charlie getauft. Nicht weil das ein süßer Vogelname ist, sondern weil er einen besoffenen Eindruck macht. Wie Charlie Sheen zu seinen besten Zeiten. Auf drei Metern scheint die Lage festgefahren zu sein. Ich sitze auf der Bank, der Vogel liegt auf halber Strecke direkt im Weg zur rettenden Balkontür. Dahinter sitzen Bestien denen der Geifer aus den Mundwinkeln läuft. 

Bilden Sie eine Gasse, ich bin Arzt!

Da sich Charlie nicht mehr bewegt, werde ich für meine Verhältnisse todesmutig. Ich schiebe einen kleinen Hocker in seine Richtung. Er lebt auf jeden Fall noch! Getrieben von der Angst um sein Leben flattert er schnell in Richtung der Scheibe. Dahinter versuchen sich vier Pfoten durch die Tür zu graben. Abermals hüpft und humpelt der Kleine an den vorderen Rand des Balkons. Durch diese hohle Gasse muss ich durch!

Ein kurzer Kampf und drei Ekel-Schüttelanfälle später bin ich in der Wohnung. Kein Massaker – Irgendwie ist erstmal jeder in Sicherheit. Was für eine Kriseninterventionsstelle muss sich kontaktieren? Sollte ich für Charlie die 110  oder 112 wählen? Vielleicht gibt es für solche Fälle eine direkte Durchwahl bei der Bundeswehr, denn eine Tiernotrettung gibt es in der Nähe nicht. Google aber verrät mir, die Vogelaufangstation ist Teil der Nürnberger Tierheims. Die freundliche Dame am Telefon erklärt mir: „Am Besten, Sie packen ihn in eine Box, stellen etwas Zuckerwasser rein, geben ihm 2-3 Stunden völlige Ruhe und dann werfen sie das Tierchen in die Luft. Wenn er durchstartet ist alles in Ordnung. Falls er nicht fliegt, bringen Sie ihn zu uns.”

Was für ein Vogel

Ich soll das Tier anfassen? Auf gar keinen Fall. Eher betrete ich den Balkon einfach nie wieder! Ich will mich aber auch nicht vor den Bauarbeitern zur Lachnummer machen, von denen frage ich keinen. In meiner Not rufe ich Blanca an. Sie als Seelenverwandte in Sachen Antipathie für Vögel erkennt den Ernst der Situation. Sie verspricht umgehend die Arbeit niederzulegen und herbei zu eilen. 

Als ich meiner Retterin die Tür öffne habe ich alles vorbereitet. Wasser, Karton, Decke – alles da! Für mich todesmutig schmeißt Blanca ein Geschirrtuch über das Unfallopfer und bugsiert es gekonnt in die Schachtel. Leider erholt sich der Piepmatz nicht. Als er später nach Anweisung in die Luft geschmissen wird, dreht er einen kurzen Kreis und klatscht abermals vor die Mauer. 

Im Tierheim angekommen, muss ich natürlich zusätzlich an den klaffenden Vierbeinern vorbei. Manche davon so aggressiv, dass mir fast ein Unglück geschieht. Wir übergeben Charlie an eine Mitarbeiterin. Wie selbstverständlich nimmt sie ihn und schmeißt ihn in die Luft. Charlie fliegt weg! Was für ein Simulant, das hätte er auch vor 45 Minuten bei uns zuhause machen können. Die Rückfahrt durch die Nürnberger Innenstadt verbringe ich mit Hassreden über Mauersegler. 

Das war leider noch nicht alles

Zum Abendessen gibt es gefüllte Paprika, Kartoffel und rote Paprikasoße aus der Prep&Cook. Während ich auf dem Balkon Arbeit nachhole sitzt Blanca auf dem Sofa und chillt mit den geschafften Miezen um die Wette. Dabei bemerkt sie nicht, dass ich vergessen habe den Stopfen aufzusetzen. Natürlich bemerkt sie nichts von meinem Missgeschick. Dann doch lieber Massaker auf dem Balkon. Das rote Machwerk kocht über und verteilt sich in der Umgebung. Deshalb meine Frage am Ende: Wie kriege ich die roten Flecken von der gestrichenen Wand? Muss ich wieder streichen oder gibt es da ein Hausmittelchen? Ich sollte an manchen Tagen einfach im Bett bleiben!